Familienbesuch aus Vietnam: Culture Clash pur Teil 2: Feine Unterschiede und gleich zwei neue Lektionen

Da waren wir also: die vietnamesischen Großeltern Ong Ba, Trung, Anton und ich. Die ersten zwei Tage zusammen verbrachten wir in Bonn. Wir gewöhnten uns langsam aneinander. Irgendwie witzig wie unterschiedlich sie doch zu den deutschen Großeltern sind. Doch dazu gleich mehr.... Die Koffer waren jedenfalls viele und schwer. Voller Mangos, Drachenfrüchte und vietnamesischen Kaffee. Das waren gute Koffer! Andere Koffer waren voller getrocknetem Fisch, irgendwelchen Pflanzen, um Tee daraus zu kochen, und allerlei anderem Zeug zum Essen, was mich persönlich nicht sonderlich reizte. Da es in unserem Auto mit ihrem Gepäck kummuliert mit unseren Taschen und Gedöns ziemlich eng wurde, entschloss ich mit Anton separat mit dem Zug zurück zu fahren. Eine gute Entscheidung!

So trafen wir einige Stunden nachdem Ong Ba und Trung bereits zu Hause waren, auch ein. Ich bekam einen ersten Schreck als ich Trungs Mutter sah. Sie grüßte kurz, wirkte sehr beschäftigt und trug eine dieser Gesichtsmaske, wie sie in Vietnam typisch ist und beim Moped fahren getragen wird, um Mund und Nase gegen die Luftverschmutzung zu schützen. Ich dachte mir nur: "Was soll denn das jetzt? Man muss in unserer Wohnung doch keinen Atemschutz tragen!"

 

Im Nachhinein kann ich drüber lachen. Ich habe mich in dem Moment so angegriffen gefühlt, aber das war total unnötig meinerseits. Es ist in Vietnam einfach total normal, dass Ba jeden Tag den Boden fegt und wischt. Da es in Hanoi oft sehr schmutzig ist, ist sie es so gewohnt dabei eine Gesichtsmaske zu tragen. So hat sie sich direkt aus Gewohnheit eine bei uns aufgesetzt als sie als eine der ersten Amtshandlungen in unserer Wohnung den Boden säuberte. Ich habe das zwar direkt vor unserer Abfahrt auch getan, aber ob es dreckig ist oder nicht spielt da eine zweitrangige Rolle. Aus sauber wird sauberer.

 

Daraus lerne ich:
Lektion 2: Das Verhalten der Anderen aus ihrer Perspektive wahrnehmen und reflektieren

 

Jeder sieht die Situation zunächst aus seiner Sicht. So sagte ihr Verhalten im ersten Moment für mich aus: "Oh je, jetzt macht sie erstmal meine Wohnung sauber - es ist doch gar nicht dreckig!" Und schwups - fühlte ich mich in meinem persönlichen Raum zu Hause verletzt.

Ihr Sicht: "Ich komme neu in ein Haus, sie waren einige Tage nicht zu Hause, ich mache mich nützlich, ich mache den Boden sauber, wie jeden Tag zu Hause..."

Schon bald folgte:
Lektion 3: Durchsetzen, wenn es sein muss!

 

Wenn ich einfach nicht mehr Lektion 1 ("Locker bleiben!") folgen kann und es auch nicht hilft, ihre Perspektive einzunehmen, dann muss ich mich durchsetzen. Insbesondere am Esstisch! Da kam der Unterschied zu den deutschen Großeltern und zu meinem eigenen Verhalten am meisten hervor.

 

Zunächst einmal waren Ong Ba begeistert von allem, was Anton bereits kann. Das ist ja auch verständlich, sie haben ihn schließlich noch nie zuvor persönlich gesehen. Bei jedem Happs und jedem Schluck wurde gelobt "giỏi lắm" ("sehr gut") und dann das i-Tüpfelchen: es wurde geklatscht! Ok- das ist doch ziemlich übertrieben. Vor allem, wenn man sich etwas mit der Kultur des Lobens bei Kindern auseinander gesetzt hat.

Ich konnte nicht mehr in Ruhe essen, es nervte einfach nur noch, dass ihm von allen Seiten etwas in den Mund geschoben wurde - obwohl er doch bereits allein gut essen kann - und er unnatürlich stark gelobt wurde. Vor allem, weil es kein echtes ernst gemeintes Lob war, sondern ein manipulierendes Lob, das darauf abzielte, sein Verhalten (hier: das Essen) zu verstärken. Ich klärte kurz auf, sagte harsch "Cô ăn đi!", also verwies darauf, dass Ba selbst essen sollte und Anton etwas in Ruhe lässt.

Als Trung am Abend zu Hause war, erklärte er seinen Eltern noch einmal, dass das Loben nur dazu führt, dass Anton sich daran gewöhnt und für sich einspeichert, es wäre ja normal beim Essen gelobt zu werden. Sie ließen es dann auch (meist jedenfalls und vor allem das Klatschen). Witzigerweise klatschte Anton aber am nächsten Tag selbst, nachdem er einen großen Bissen genommen hat. Er schaute Ong Ba an und wartete regelrecht auf einen wohlwollenden Kommentar ihrerseits. Wir lachten nur noch über die Situation.

 

Mittlerweile können wir in Ruhe essen. Ong Ba lassen das Loben und Klatschen sein und ich finde mich damit ab, dass Ba ihrem Enkel immer noch etwas in den Mund schieben muss.

Noch ein kleiner Unterschied zu den deutschen Großeltern: da muss sich immer an den Tisch gesetzt werden zum Essen. Ong Ba hingegen rennen auch gerne mal mit der Schüssel Reis hinter dem Jungen hinterher, um ihm noch mehr in den Mund zu schieben.

 

Durch so einen Familienbesuch lerne ich viel:

 

Locker bleiben. Einander verstehen. Sich auch einmal durchsetzen und aufklären.

In diesem Sinne
Tạm biệt und bis demnächst,

Anja

Vietnamesisch-Deutsch Wörterbuch:
Ong - Opa
Ba - Oma
Ong Ba - Oma und Opa
Tạm biệt - Tschüss

Giỏi lắm - Sehr gut

Ăn đi - Iss!

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Kommentare: 3
  • #1

    Sarah (Mittwoch, 18 Oktober 2017 20:59)

    Ein sehr schöner Artikel! Ich habe herzhaft gelacht :-)

  • #2

    Anja (Donnerstag, 19 Oktober 2017 21:55)

    Danke liebe Sarah! Du kennst mich ja auch zu gut und weißt, wie ich es meine ;-) Ich weiß übrigens immer noch nicht, wielange sie bleiben :-)

  • #3

    Hien (Montag, 23 Oktober 2017 23:52)

    Anja chị rất mong được đọc phần tiếp theo