Teilzeit windelfrei - mein Fazit nach dem ersten Babyjahr

Mein Sohn Anton ist vor ein paar Tagen 1 Jahr alt geworden. Zu seinem Geburtstag setzte ich ihn am Morgen nach dem Aufstehen das erste Mal aufs Töpfchen. Seitdem funktioniert es auf Anhieb! Er weiß genau, warum er dort sitzt und wenn er nicht muss, zeigt er mir das ganz klar, indem er aufstehen möchte.

Nun ist es doch generell etwas ungewöhnlich, dass ein 12 Monate altes Baby bereits ins Töpfchen macht. Wie wir da hingekommen sind? Kurz gesagt: durch das Abhalten des Babys in Kombination mit (Stoff)Windeln (Teilzeit windelfrei).

Abhalten, d.h. das Baby in einer Abhalteposition über die Toilette oder eine Schüssel zu halten, um es ausscheiden zu lassen. Wann das gut funktioniert? Bei uns jedenfalls vor allem nach dem Aufstehen, nach dem Stillen und prinzipiell bei jedem Windelwechsel. Windeln wechsle ich häufig, so alle 1-2 Stunden, wenn ich zu Hause bin. Meist benutze ich eine einfache Überhose aus PUL und eine Mullwindel als Einlage.

 

Das windelfrei-Konzept ist mir bereits in Vietnam auf Reisen aufgefallen, als ich mich wunderte, warum die Kleinen keine Windeln umhaben und wie das denn funktionieren sollte. Ich war skeptisch. Man erzählte mir, dass die Babys abgehalten werden. Ich fand das total interessant und beschloss, das einfach mal selbst auszuprobieren, quasi am eigenen Forschungsobjekt - meinem Baby, das sich zu dieser Zeit gerade prächtig in meinem Bauch entwickelte. Logisch fand ich das Konzept damals schon, denn außerhalb unserer westlichen Welt gibt es kaum Wegwerfwindeln und die Menschheit hat sich ja auch entwickelt, bevor es Pampers und co. gab. Und tatsächlich, traditionell werden Babys überall auf unserer Welt getragen, seine Signale wahrgenommen und abgehalten. Nur wir in der westlichen Welt sind die Exoten, die ihre Babys in die Windel machen lassen und dann rumwischen müssen, um es sauber zu kriegen.

 

Am Anfang ist es "schwer"

Schwer ist es, ja - das Baby. Ich musste mich zunächst daran gewöhnen, mein circa 4,5 kg schweres Baby abzuhalten. Übrigens ist das Abhalten auch eine super Rückbildungsübung, wie mir meine Hebamme erzählte, als sie uns dabei mal beobachtet hat. Erst circa 4-6 Wochen nach der Geburt habe ich mit dem Abhalten begonnen. Zugegeben, fand ich das Konzept doch recht "hippie-mäßig" und traute mich nicht so recht. Allerdings hat mir mein Sohn immer sehr deutlich mitgeteilt, wann er mal muss. In dieser Zeit habe ich ihn sowieso in den Armen gehalten, um ihn zu beruhigen und für ihn da zu sein. Da dachte ich mir, wenn ich diese Zeit sowieso mit ihm bin, kann ich das ganze  auch mal im Bad beim Abhalten probieren.

 

Da stand ich nun: halten, halten, halten! Und immer den Signalton "sssss!" von mir geben. Mit der Zeit wurden meine Arme immer stärker und ich konnte ihn länger halten. Denn ich wusste, dass er mal muss, aber er konnte nicht "schwupp-die-wupp" auf Toilette gehen, sondern das dauerte. Und so stand ich manchmal 10...15...20 (!) Minuten da mit ihm. Oft wird windelfrei als total leicht und schnell deklariert. Das war es bei uns nicht. Zumindest am Anfang. Aber es hat sich gelohnt! Erfolgreich waren wir schnell und so hielt ich mein Baby bei jedem Windelwechsel ab und ich sag mal, Pipi musste er immer.

 

Komplett windelfrei? Ich habe meinem Sohn immer eine Windel umgelegt, da ich mich nicht stressen wollte und auch nicht die Intention hatte, jedes einzelne Pipi abzufangen. Außerdem habe ich ihn fast nie unterwegs abgehalten, denn das ganze Aus- und Anziehen war mir doch zu aufwendig. Es hätte mich und vor allem meinem Baby nur mehr gestresst, als wenn ich ihn einfach in die Windel pullern lasse. Aber jede Familie ist anders! Ob windelfrei, Teilzeit windelfrei oder kompletti in Windeln - Wegwerfwindeln oder Stoffwindeln - jede Mutter und jeder Vater macht es so, wie es für sie am einfachsten und natürlichsten ist!

Meine 5 Top-Vorteile des Abhaltens

1. Nie wieder dreckige Windeln wechseln
Der größten Vorteil, den ich ganz klar sehe, ist, dass ich keine dreckigen "A-A" Windeln säubern muss und mein Sohn am Po sauber bleibt. Er hatte in den letzten 10 Monaten, vielleicht 3-5 Mal eine volle Windel. Jedes Mal, wenn ich solch eine Windel vor mir hatte, war ich so glücklich und dankbar, dass ich ihn normalerweise abhalte. Respekt an alle Mütter und Väter da draußen, die jeden Tag Windeln wechseln (müssen)!

 

2. Sauberkeit

Ein anderer Punkt ist die Sauberkeit. Da mein Sohn bereits erwartet hat, abgehalten zu werden, hat er einfach nicht in die Windel gemacht. Das Resultat war: nie wieder ein wunder Po, d.h. auch keine Notwendigkeit von Wundschutzcremes mehr. Außerdem sitzt er nun, wie oben bereits geschrieben, auf dem Töpfchen und weiß genau, was er darein machen soll. Da entfällt bei uns die "Sauberkeits-Erziehung", denn das Kind hat mich belehrt und quasi "erzogen", indem es mir signalisiert hat, wann es Zeit ist, seinem Ausscheidungsbedürfnis nachzukommen.

 

3. Achtsamkeit und Respekt gegenüber dem Baby

Unsere Babys zeigen uns, wenn sie Hunger haben, müde sind, Nähe brauchen und natürlich auch, wenn sie ausscheiden müssen. Nur haben wir verlernt, all diese Signale wahrzunehmen und richtig zu deuten. Dies verlangt Aufmerksamkeit und Achtsamkeit dem Baby gegenüber. Bei uns war es - wie gesagt - sehr eindeutig. Das ist natürlich bei jedem anders. Aber auch wenn du befürchtest, die Signale deines Babys zu übersehen, kannst du trotzdem danach gehen: Abhalten nach jedem Stillen / Fläschchen, nach jedem Schläfchen und bei jedem Windelwechsel. Denn die Babys lernen sonst "aha - mein Signal wird hier gar nicht wahr genommen, dann muss ich eben in die Windel machen." Sie lernen, dass es normal ist, in die Windel zu machen. Ich denke, dass es deswegen auch so schwierig ist, den Kleinkindern dann beizubringen, sich doch aufs Töpfchen zu setzen.

 

4. Entspannteres Baby

Bei uns war es zumindest so, dass mein Baby eine Zeit lang abends 1-2 Stunden nach dem Einschlafen aufwachte und dann groß musste. Ich ging meinen Sohn abhalten und danach war er so entspannt, dass er direkt weiterschlief. Manchmal quälen sich die Kleinen auch, wenn sie ausscheiden müssen und beim Abhalten kommen sie in eine natürliche Position, die es für sie leichter macht, auszuscheiden. Wir gehen ja auch nicht im Liegen...na, ihr wisst schon ;-)

 

5. Weniger Müll bzw. weniger Dreckwäsche

Teilzeit windelfrei hat ja gar nichts mit Stoffwindeln zu tun. Babys können auch mit Wegwerfwindeln gewickelt werden und zusätzlich abgehalten werden. Das spart auch das Saubermachen des Babys und einige Windeln, d.h. weniger Müll und weniger Ausgaben. Bei der Stoffwindelwickelei gibt es allerdings noch einen zusätzlichen Anreiz abzuhalten, denn so muss ich keine dreckigen Stoffies mehr säubern, spare mir das Windelvlies und kann die nasse Windel einfach in die Wetbag packen und circa jeden 3. Tag alles bei 60 Grad waschen. Außerdem wird die Kleidung von den Babys ja gerne mal mit verschmutzt, wenn eine Ladung so hochknallt, da die Wegwerfwindel das gar nicht mehr aufnimmt. Ich muss sagen, hier ein Pluspunkt an die Stoffwindeln, denn die saugen den Muttermilchstuhl viel besser auf und so kommt solch ein Malheur bei Stoffwindeln meist nicht vor.

 

Fazit

Ich bin total positiv überrascht gewesen, wie super das Abhalten bei meinem Sohn geklappt hat und welche tollen Vorteile diese "unkonventionelle" (eigentlich ja nicht) Herangehensweise mich sich bringt. Eins ist allerdings klar - mal eben 5 Minuten "auf Klo" gehen, ist nicht. Bei uns hat das anfänglich beim Säugling schon länger gedauert, als würde ich einfach eine dreckige Windel wechseln.

 

Übrigens, ich habe mich nie stressen lassen. Und das solltet ihr euch auch nicht! Falls wir mal länger unterwegs waren und ich ihn einfach nicht abhalten konnte oder wollte, habe ich ihm das gesagt und ihm mitgeteilt "So, mein Lieber, du musst jetzt mal in die Windel machen, wenn du mal musst." Komischerweise hat er das aber kaum gemacht und hat es wohl eher "angehalten" und sobald sich die Gelegenheit dann bot, nahm er sie auch wahr.

 

Falls euch meine genannten Vorteile auch so überzeugen, probiert es doch einfach mal aus! Zugegeben, am Anfang habe ich mich recht sonderbar gefühlt beim Abhalten und auch meine Mutti hat Tränen gelacht, als sie uns das erste Mal so sah. Aber das ist für uns alle so natürlich geworden und meinem Sohn gefällt es am meisten! Er fühlt sich verstanden und sein Ausscheidungsbefürfnis wird, wie seine anderen Bedürfnisse auch, respektiert und wahrgenommen.

 

Eure Meinung interessiert mich!

Habt ihr schon Erfahrung mit dem Abhalten gemacht? Würdet ihr das gerne auch mal bei eurem Baby ausprobieren? Warum würdet ihr es vielleicht nicht tun? Was spricht für euch noch dagegen? Habt ihr noch weitere Fragen zu diesem Thema? Lasst es mich wissen und schreibt mir einen Kommentar unter diesem Artikel!

 

Danke fürs Lesen!

Anja

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Vanessa (Donnerstag, 16 November 2017 17:30)

    Hallo Anja,
    vielen Dank für den tollen und ermutigenden Beitrag! Ich bin mir schon jetzt in der Schwangerschaft sicher, dass wir windelfrei mit Stoffwindeln kombinieren wollen. Aber eben so wie du, stressfrei, mit Backup am Po.
    Meine Frage nun an dich, wie viele Stoffwindeln hattet ihr denn im Gebrauch. Man bekommt immer nur Anhaltspunkte für Kinder die komplett gewickelt werden.
    Liebe Grüße, Vanessa

  • #2

    Anja (Freitag, 17 November 2017 09:37)

    Hallo Vanessa!

    Schön, dass ich dich etwas ermutigen konnte mit meinen Erfahrungen! Ich würde es auch immer wieder so machen und kann es nur jedem empfehlen. Gerade heute erst sagte mir die Erzieherin, dass mein Sohn in einem Jahr Krippenzeit erst diese Woche das zweite Mal eine volle Windel hatte. Für ihn war das wohl auch ganz komisch und nicht ganz geheuer ;-)

    Bzgl. der Anzahl der Windeln ist es gar nicht so einfach zu sagen. Wir hatten 30 Mullwindeln und 10 Pocketwindeln. Es kommt auch darauf an, wie oft du wäscht und natürlich wieviel du abhälst. Kleine Babies pullern ja schon sehr oft und immer nur ein bisschen. Du musst auch immer Bedenken, dass die Hälfte der Windeln dann gerade in der Wäsche oder am Trocknen ist. Also wenn du vielleicht 3-5 Windelüberhosen hast und um die 30 Mullwindeln, solltest du gut bestückt sein und alle 3 Tage waschen müssen. Die Mullwindeln trocknen ja zum Glück mega schnell. Da noch ein kleiner Tipp: Ich ziehe jede Seite der Mullwindeln immer lang, bevor ich sie aufhänge und dann hänge ich sie einmal gefaltet auf. Das spart nicht nur Platz auf dem Wäscheständer, sondern erleichtert mir das Zusammenfalten. Dann ist die Windeln schon glatt getrocknet (d.h. ich bügle die nicht mehr) und ich kann sie einfach noch zweimal falten, sodass ich so eine Einlage habe und die benutze ich dann direkt so. Ganz am Anfang habe ich die noch etwas komplizierter gefalten, so, dass die Windel auch einmal um die Seiten des Babies gewickelt wurde. Für die ganz Kleinen sicherlich ganz gut, aber später nicht mehr notwendig.

    Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen! Schreib doch gerne nochmal, wie es dann so geklappt hat :-)

    Liebe Grüße,
    Anja